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Lesbische Literatur – überhaupt kein Problem!

Tausend Euro für den ersten Platz bei einem Schreibwettbewerb über lesbische Literatur! Was ich damit alles machen könnte? Ich würde mir endlich den Chefsessel für meinen Teakholzschreibtisch bestellen, mir einen maßgeschneiderten Anzug gönnen und den Rest auf mein Sparbuch einzahlen. Oder würde ich vielleicht doch endlich den langersehnten Laptop kaufen, damit ich auch bei meiner Freundin an meinen Geschichten weiterarbeiten kann? Schließlich gestaltet sich das Schreiben von lesbischer Literatur für mich ganz einfach: Ich sitze da, und die Worte und Sätze strömen nur so aus mir heraus. Innerhalb von wenigen Wochen steht die ganze Geschichte, und ich kann sie einem Verlag vorlegen, der natürlich begeistert ist und meinen Roman gleich veröffentlichen möchte. Deshalb habe ich auch schon etliche eigene Werke im Regal stehen, und mit der Beantwortung der Fanpost komme ich fast nicht mehr hinterher.

Davon träume ich jedenfalls so manches Mal mit offenen Augen, während ich zum Fenster hinausstarrend dasitze und eben nicht schreibe, weil das alles nämlich gar nicht so einfach ist, wie ich es gerne halluziniere. Eigentlich sollten meine Charaktere doch das tun, sagen oder lassen, was ich als ihre Schöpferin möchte. Klarer Fall von denkste, zumindest bei den Leuten, die ich mir erschaffe. Sie tanzen aus der Reihe, müssen fast immer das letzte Wort haben und sind irgendwie auch ein wenig stur.
In einem Sommer war ich zum Beispiel in einem richtiggehenden Schreibdelirium, in dem ich Geschichten wie am laufenden Band produzierte. Als einer der lesbischen Liebesromane fast fertig war, brachte plötzlich eine Figur, nennen wir sie einmal Anne, meinen ganzen stimmigen Plot ins Wanken. Anne war eigentlich nur dafür bestimmt, Betty nach einem Streit mit Carla zu trösten (auf rein platonischer Ebene natürlich). Betty sollte sich dann mit Carla wieder versöhnen und alles wäre gut – das war jedenfalls mein Plan. Anne und Betty waren sich aber von Anfang an so sympathisch, daß die beiden überhaupt nicht daran dachten, sich an meine Vorgaben zu halten. Ich saß in einer Zwickmühle. Wenn ich Anne und Betty ihren Willen ließ, was sollte dann mit Carla geschehen? Würde ich mich an mein eigentliches Vorhaben halten, müßte ich mich gleich mit zwei rebellierenden Romantikerinnen herumschlagen. Die Mehrheit siegte, so wie sich das gehört, und nachdem Carla sich nicht allzu sehr echauffierte und auch mit einem grundsätzlichen Persönlichkeitswechsel einverstanden zu sein schien, stand fest, was zu tun war: Der komplette Roman mußte umgeschrieben werden, um diese neue Carla stimmig in die Geschichte einzuarbeiten. Es ist ja wohl klar, wer diese ganze Arbeit machen mußte, oder? Jedenfalls nicht Anne oder Betty, denn die waren ja frisch verliebt und dementsprechend schwer beschäftigt.

Apropos schwer beschäftigt: So sehr meine Figuren sonst ein seltsames Eigenleben zu führen scheinen, beim Sex hört das sehr schnell auf. Plötzlich zieren sich die Damen, jedenfalls wenn ich mit dabei bin. Sie flirten zwar, bis sich die Balken biegen, aber wenn es dann zur Sache gehen soll, werden sie schüchtern, sitzen auf der Bettkante, wissen nicht, wo anfangen, und die ganze Arbeit bleibt an mir hängen. Jede Handbewegung muß ich dirigieren. Dazu stelle ich mir jedes Detail genau vor, spiele den Ablauf wieder und wieder in meinem Kopf durch, damit die Hand, die zunächst noch zärtlich mit den Haaren im Nacken gespielt hat, in der nächsten Sekunde nicht einfach plump auf den Hintern klatscht, sondern langsam und erotisch den Weg zum Po hinunterstreichelt. Dann paßt vielleicht auch das Klatschen. Außerdem soll es ja meinen Leserinnen nicht so gehen wie mir: daß sie beim Lesen einer erotischen Sequenz verdutzt innehalten und sich darüber Gedanken machen, ob das denn tatsächlich so funktionieren kann, wie beschrieben. Oder daß sie feststellen, daß ein bereits ausgezogenes Kleidungsstück erneut kunstvoll vom Leib gerissen wird. So manches mal war ich deshalb versucht, für kompliziertere Positionen mit meiner jeweiligen Freundin eine Art Testlauf durchzuführen.
Ich stelle mir das so vor: Das Manuskript liegt neben dem Bett, natürlich schon an der richtigen Stelle aufgeschlagen, ebenso ein leerer Zettel und ein Stift für Notizen. Meine Freundin und ich sind bereits in Stellung gegangen, um zu testen, ob der Knoten der Liebe aus dem Kamasutra sich in meiner umgewandelten Form auch für Lesben eignet. Müßte er ja eigentlich, aber wie genau ist meine bisher nur theoretische Beschreibung wirklich? Vor allem, weil ich ja auch noch den Versuch gestartet habe, Hände mit ins Spiel zu bringen, um das ganze noch etwas interessanter zu gestalten. Die Beine von uns beiden sind jeweils angewinkelt, und wie von mir beschrieben berühren sich die Rückseiten unserer Oberschenkel. Jeweils ein Fuß der einen liegt bequem auf der Schulter der anderen. Für den Anfang haben wir die Arme durch die Kniekehlen der anderen gesteckt und wir ziehen uns gegenseitig ganz nah aneinander. Möse an Möse. Folgende Dialogfetzen kommen mir bei dieser Vorstellung in den Sinn:
»Okay, Schatz, bleib genau so. Ich muß kurz schauen, ob es jetzt mit der linken oder mit der rechten Hand weitergeht.«
»Süße, kommst du an den Stift? Ich muß das kurz korrigieren, das klappt ja so nicht.«
»Es ist ja total geil, daß du so naß wirst, aber meine Notizen sind jetzt ganz verschmiert.«
»Halt! Nein! Du kannst doch nicht jetzt schon kommen! Wir haben noch zwei Seiten vor uns! Schahatz?!«

Ich glaube, es ist ganz gut, daß ich niemals wirklich den Versuch unternommen habe, meine Szenen nachzustellen. Meine jetzige Freundin scheint die Idee allerdings ganz reizvoll zu finden...

Das heißt aber wiederum nicht, daß mich das Schreiben von Sexszenen kalt läßt. Ganz im Gegenteil! Das Dumme an den daraus folgenden Sexszenen im echten Leben ist nur, daß ich im Gegensatz zu meinen Darstellerinnen dann ganz befriedigt bin und keine große Lust verspüre, mich wieder an den PC zu setzen. Außerdem habe ich die Angewohnheit, vor dem Weiterschreiben nochmals die letzten Absätze zu überfliegen, um mich wieder in die Story hineinzufühlen. Im Hineinfühlen bin ich offensichtlich wirklich gut, deswegen lande ich auch oft genug im Bett, um dieses Übermaß an Gefühlen zwischen meinen Beinen loszuwerden. Ein kleiner (und lustvoller) Teufelskreis.

Die Wortwahl bei einer solchen Sequenz ist auch so eine Sache für sich. Es gibt nicht sehr viele Wörter, die ich für Genitalien benutzen mag. Ausdrücke wie »Liebesgrotte«, »Vagina« und »Fotze« sind für mich tabu. Allerdings kann ich Wortwiederholungen einfach nicht leiden, weil ich sie als einfallslos empfinde. Deshalb muß ich hin und wieder dann doch auf die zweite Wahl zurückgreifen und verwende tatsächlich auch mal »Perle«, »Höhle« oder »Lustknopf«. Ich kann ja nicht immer nur von »Klits« und »Mösen« schreiben. Was beim Schreiben von lesbischer Literatur noch erschwerend hinzukommt: die weiblichen Genitalien sind dort auch noch in doppelter Ausführung vorhanden.
Ich glaube, meine Protagonistinnen würden sich von einer wirklich abwechslungsreichen Wortwahl auch ganz leicht aus dem Konzept bringen lassen. Man stelle sich vor, Anne und Betty befinden sich mitten im heißen Liebesspiel, und ich jubele ihnen folgenden Satz unter:
»Deine Liebesmurmel strahlt mich an wie der volle Mond. Prall und rund scheint sie mir ins Gesicht.«
Betty kichert unterdrückt. Anne schien einen Hang zur Poesie zu haben. Doch die kundigen Finger machen das wieder wett und bringen Betty bald auf andere Gedanken.
»Ich kann es kaum erwarten, in deine Tropfsteinhöhle einzudringen. Schon hier am Eingang kann ich den feuchten Niederschlag -« Anne unterbricht irritiert ihr Murmeln, als Betty lauthals loslacht.

Würde ich auch. Ich meine, lachen. Obwohl, wenn die Finger wirklich so geübt wären, bliebe auch immer noch der Griff zu einem großen Pflaster, welches nur noch geschickt auf dem Mund der Fingerbesitzerin plaziert werden müßte, und man könnte den Rest ohne Worte genießen.
Ein weiteres Beispiel mit Anne und Betty als meinen Versuchskaninchen:
»Deine Klitoris ist schon ganz geschwollen. Ebenso die inneren Schamlippen, die die äußeren bereits aufspreizen. Du bist schon weit geöffnet und bereit, damit ich mit meinen Fingern in deine Vaginalöffnung eindringen kann.«
Betty richtet sich auf ihre Ellenbogen auf und schaut Anne fragend an. »Stehst du auf Klinikspiele, oder bist du Gynäkologin?«


Apropos Klinikspiele: wie weit (oder wie tief) darf man beim lesbischen Sex eigentlich gehen? Wenn in der Geschichte ein Dildo auftaucht, darf der dann auch »Schwanz« genannt werden, oder führt das zu heftigen Protesten der Leserinnen? Was ist mit all den lustigen kleinen Spielzeugen wie Vibratoren, Liebeskugeln, Buttplugs und was es sonst noch so gibt? Stellen die eine Gefahr für die Befreiung vom Patriarchat dar? Oder tut die lustvolle Lesbe von heute einfach alles, was ihr Spaß macht? Was würden meine Figuren sagen, wenn ich sie plötzlich in Latexkleider oder Lederchaps stecke?

Oh je, und vor lauter Nachdenken über all diese Schwierigkeiten habe ich jetzt immer noch nichts geschrieben. So wird das doch nie was mit dem eigenen Fanclub...

© Joy Schalunke



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